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6. Mail aus Addis Abeba
Geschrieben von: Luisa Kühlmann   
Montag, 20. Februar 2006 um 18:56 Uhr
Mail vom 21.01.2006

Für die meisten - mittlerweile wohl schon alle -  wird jegliche Weihnachtsstimmung schon längst verklungen sein und der Alltag wieder eingesetzt sein, die Gedanken mal wieder auf die ernsteren Sachen des Lebens gerichtet.
Doch hier für die Neugierigen: "Weihnachten in Äthiopien". Zumindest in meiner Erfahrung ist in Europa und Amerika Weihnachten (mit Neujahr) der Höhepunkt des Feierns im Jahr - die "besonderste" Zeit, wo die schönsten Kleider angezogen werden, das größte Essen vorbereitet wird (abgesehen von Thanksgiving), das meiste Geld für Geschenke ausgegeben wird. Nebenbei, abseits des ganzen Stresses, wird noch versucht sich auf den Sinn des Feierns zu besinnen, auf grundsätzliche Werte die uns verbinden und vielleicht noch ein oder zwei neue Ziele für sich selber zu setzen (na ja - abhängig von der einzelnen Person).
Weihnachten hier - oder "GeNa" (mit viel Ausdruck aussprechen, sonst bedeutet es "später") - ist und bleibt die kleine Schwester von einem anderen Fest, welches die Orthodoxen (ca. 45% der Äthiopier) hier feiern. Timket, welches am 19. Jan. gefeiert wurde (und an die Taufe Christi erinnert, wenn ich es richtig verstanden habe) überschattet alles, was vorher an Festen gefeiert wird - von den Muslimen (ca. 45% d. Bevölkerung) als auch von den Katholiken (ca. 1%). Religion spielt hier noch ein sehr ernste, formale, fast strenge, aber auch sichtbarere Rolle, als ich es gewohnt bin. Nichts mit "mein persönlicher Glaube".
Doch zurück zu Weihnachten. Der Konsumwahnsinn, die künstliche, aufgedrückte Stimmung, die einen Monate vorher schon verfolgt, der gesamte Stress, blieb mir dieses Jahr völlig erspart - eine äußerst angenehme Überraschung!! In diesem Sinn war es wohl eines der schönsten Weihnachten, die ich je erlebt habe. Man hat tatsächlich noch Energie und Ruhe, sich über den eigentlichen Sinn des Festes Gedanken zu machen, sich über andere Menschen und ihre Anwesenheit und Freude zu genießen. Es werden nicht Geschenke ausgetauscht, sondern Karten, Bilder und vielleicht mal etwas besonderes zum Essen. Es ist aber auch, wie ich es von Berlin kenne, eine Zeit, in der Familien zusammen kommen, Essen und Tanzen und harmonische und vertraute Zeit miteinander verbringen. Katholiken gehen zur Mitternachtsmesse (wenn sie den Weg in dieser Finsternis finden - Straßenlampen gibt's so gut wie gar nicht). Ein Krippe wird aufgebaut, Weihnachtslieder gesungen, ein kleiner Plastik- Weihnachtsbaum wird dekoriert (echte sind illegal). An kitschigen blinkenden Weihnachtslichter mangelt es auch nicht.
Zu Weihnachten haben wir, also Teresa, Donato und ich, ein kleines Theaterstück zusammen aufgeführt - passend zum Fest über Maria, der Verkündigung und der Geburt Jesu. Alle Kinder freuten sich schon darauf, wir hatten sogar Gäste (itl. Ordensschwestern mit ihren Patienten).
Unser Kleinster (5 Jahre alt), Mengistu, musste Jesus spielen (in Decke eingewickelt). Er hatte überhaupt kein Bock darauf, meinte alle Kinder würden ihn auslachen. Erst als wir ihn mit ein paar neuen Unterhosen (ganz weiß) bestachen, willigte er ein. Sein Schuhe (Nike, aber etwa 4 Groessen zu groß), wollte er trotz allem nicht ausziehen. Na ja, und alle Kinder lachten ihn aus. Armer Junge.
Ich selber war tiiiiierisch nervös vor der Vorstellung, weil ich meinen Text aus der Amharischen Bibel lesen musste (und die Bibel hat eine echt komische, alte und komplizierte Sprache). Ich war nämlich der Engel Gabriel. Dank meiner Haare. Als Weihnachtsgeschenk haben wir allen Kindern Luftballons gegeben, so das der ganze Nachmittag voll mit Geräuschen von platzenden Luftballons war (und gleich darauf irgendein heulendes Kinder), fiepen, rubbeln, plätschern und weiß ich was noch für kreative Geräusche alles mit Luftballons gemacht werden können. (Ja, ein BISSCHEN nervte es nach einigen Stunden).
Ganz zufrieden, mit ihren runden Bäuchen voll mit Keksen, Bananen, Bonbons und Saft sind sie dann nach Hause gegangen, um mit ihren Eltern, oder welch immer Ersatz sie auch hatten, weiter zu feiern.
Ich war auch bei einigen Familien hier in der Gegend eingeladen worden. Da ich als Gast da war hielten sie natürlich die Kaffeezeremonie für mich.
Das ist das erste mal gewesen, dass ich Kaffee getrunken habe, ohne danach einen Würgereiz oder ein ähnliches unangenehmes Gefühl zu bekommen. Der Grund könnte sein: a) Äthiopischer Kaffee ist wohl der Beste in der Welt (Äthiopiens Wirtschaft lebt fast ausschließlich von ihrem Kaffeeexport), und b) mindestens die Hälfte der Tasse war mit Zucker gefüllt. Danach aßen wir zusammen ganz traditionelles Essen und ganz traditionelles Getränk. Das bedeutet: Injera mit doro wot (Sosse mit Hühnchen) – so RICHTIG traditionell gemacht mit viel, viel Birbirae (wie das schärfste Pfeffer) und Tella, das beliebteste Getränk hier in der Gegend. So saß ich also da, sie forderten mich so aufdringlich auf, zu essen (obwohl ich den Mund voll hatte), dass ich glaube, sie hatten Angst, ich hätte vor, die nächsten drei Wochen zu fasten. Ich hatte die Wahl, dass mein gesamtes Innere verbrannte oder ich könnte eine momentane Erleichterung haben , gefolgt von einem unglaublich starken Wunsch meines Magens, alles wieder raus zu schieben.  Die Gastgeber waren alle total freundlich und nett, doch sind sie mit diesen Sachen aufgewachsen und konnten besten Willens nicht nachvollziehen, warum ich auf einmal, mit knallrotem Kopf und regelmäßigem Ringen nach Luft, solche Grimassen schnitt. Ein bisschen Stolz bin ich schon darüber, dass ich das alles - DREI mal in ZWEI Tagen -  überlebt habe.

Die Weihnachtstage, die der Rest der christlichen, nicht orthodoxen Welt gefeiert hat (also 25. Dez), war hier ein stinknormaler Arbeitstag. Einigen Kindern erzählte ich, heute wäre "Ausländer-Weihnachten", dass fanden sie (warum auch immer) ganz witzig. Trotzdem wünschten mir alle "Melkam gena" - Frohe Weihnachten.
Abends sind alle Voluntäre zu einer italienischen Messe gegangen, worauf ich keine Lust hatte. Ab und zu möchte ich doch was verstehen. Deshalb entschied ich mich, zur englischsprachige Messe in der Vatikanischen Botschaft zu gehen. Der Ort war heftig: mitten unter bettelnden Menschen war hier in Gebäude voll mit Marmor, Gold und Spiegeln, Rasen, der wohl mit einem Lineal und Nagelschere geschnitten wurde, riesige bunte Blumenbeete und Palmen im Garten, beleuchtete Springbrunnen... Darauf war ich nicht vorbereitet! Doch die Atmosphäre war sehr angenehm - ein witziger Pfarrer aus Sri Lanka, viele Indonesier, Polen, ein leider sehr versteifter Deutscher und nur eine Italienerin.

Als ich am nächsten Tag von meiner "Arbeit" nach Hause kam, war ich ein bisschen erstaunt, über 30 Italiener mit ihren ca. 15 Kindern bei uns zu Hause zu finden. Ein reinstes Chaos - wer es nicht weiß: Italiener lieben es zu reden und vergessen dabei, dass sie Kinder mithaben. Und diese Kinder lieben es, sich jeglicher Autorität zu wehren, dort rumzuspringen wo sie (sich) jeden Moment was brechen könnten und endlose Wetten zu haben darüber, wer am lautesten Brüllen kann.
Das Positive: es gab richtig, richtig leckeres Essen.

Hoffentlich habe ich es geschafft, diesmal nicht irgendeinen zu überfordern. Ich wünsche allen, wenn auch etwas spät geraten, ein wunderschönes neues Jahr!

Luisa


Was ich fast vergessen habe: hier läuft ein anderer Kalender, dass heißt, hier lebe ich im Jahre 1998 und Neujahr ist am 10. oder 11. September. Es gibt 13 Monate - die ersten 12 sind alle 30 Tage lang, der 13. hat sozusagen den Rest - 5-6 Tag lang ist der. (Der Spruch für die Touristenindustrie in Äthiopien lautet auch "Dreizehn Monate Sonnenschein").
Die Zeit ist auch anders: um 7.00 morgens ist es 1.00, Abends um 18.00 ist s nach Äthiopischer Zeit 12.00. Immer um 6 Stunden versetzt. Es ist ganz logisch (wenn auch gewöhnungsbedürftig), da der Tag hier mehr oder weniger genau 12 Stunden lang ist, und sich die Zeit somit nach den Stunden des Sonnenaufganges richten.
Zuletzt aktualisiert am Sonntag, 04. März 2007 um 03:02 Uhr