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4. Mail aus Addis Abeba
Geschrieben von: Luisa Kühlmann   
Montag, 20. Februar 2006 um 18:50 Uhr
Mail vom 24.11.2005

Hi! - nun wird's doch Zeit, mal wieder was von mir hören zu lassen. Das Leben hier in Addis Abeba läuft ganz entspannt weiter, trotz aller Aufregungen in den letzten Wochen. Dieses Mal möchte ich von den Kleinigkeiten berichten, die dem Leben hier seine Eigenartigkeit und Humor verleihen.

Zum Beispiel: vor einer Woche hat eines unserer Schafe ein Baby bekommen, sie, die Mutter, ist mehr oder weniger prompt gestorben. Das Interessante ist: In unserer "Herde" von vier Schafen sind alle weiblich, und keiner weiß, wie sie schwanger geworden ist. Die meisten sind der Meinung, angesichts des religiös geprägten Ortes in dem wir wohnen, der Heilige Geist habe die Mutter besucht und geschwängert. Doch wurde der vorgeschlagene Name "Jesus" für, übersetzt "Ich wünsche mir, er würde erwachsen werden" geschlagen.
Das Lamm glaubt nun 1) er wäre ein Hund (das sind seine einzige Spielkameraden) und 2) die Köchin wäre seine Mutter. Also ist er immer etwas durcheinander, der Arme. Doch fällt er, familiär gesehen, nicht weiter auf. Die meisten Kinder hier, wie er, haben keine Ahnung, wer ihr Vater ist und deren Mutter ist gestorben oder einfach weg.

Ich habe mit Erstaunen und Verwunderung einige Kinder hier von uns in Skianzügen rumlaufen sehen. Das in einem Wetter, welches einem europäischen Hochsommer gleicht. Man kann sich vorstellen, wie absurd diese Bild aussieht: kleine grinsende schwarze Kinder stehen in der knalligen afrikanischen Sonne, Sandalen an ihren Füßchen und einen hässlichen, grell pink und grünen, im typischen 80iger Schnitt Skianzug an ihren Körpern.

Doch haben wohl einige gutmeinende Österreicher diese Sachen dem Projekt gespendet. Es ist jedoch das Beste, was man den Kindern zum anziehen geben kann, denn diese Anzüge sind robust (halten für länger als ein Jahr), warm (für die kalten Nächte) und bedecken alles - ersparen also weiteres Suchen für ein Hemd oder Hose.

Thema Kinder und Schluckauf: In Deutschland "glaubt" man ja, wenn man Schluckauf hat "denkt jemand an dich und küsste eine/n andere/n". Hier in Äthiopien ist man leider nur "ein Dieb".

Wie ich schon mal erwähnt habe, lieben die Kinder hier den Sport. Ich habe bemerkt, dass abseits vom Rennen, welches den unbestrittenen ersten Platz hält, orientieren sich die Kinder in ihrer Sportausübung nach ihrer eigenen Körpergröße. Bis ca. 12 -14 Jahren ist Fußball das Spiel überhaupt und genau wie in Deutschland oder anderswo auf der Welt, rennen sie wie besenkt diesen kleinen ballartigem Ding (es wird mit alles von einem Golfball bis zusammengebundene Plastik Milchtüten gespielt) hinterher. Wenn es Turniere gibt, nennt sich jede Mannschaft nach eine Bekannten der Premier League, welche hier gesendet wird. Weiterhin sammeln sie begeistert alle Aufkleber (welches wiederum eigentlich nur Lottotickes mit Bildchen sind) von internationalen Fußballstars, kennen alle Namen und Vereine und können nicht aufhören mich zu fragen, ob ich mir nicht wirklich wirklich sicher sei, dass ich noch nie Ballack und Lehmann und Kahn getroffen habe.
Die spanische Voluntärin, Teresa, hat sich daraus einen kleinen Spaß gemacht und erzählte, dass sie mit dem Raoul in Wirklichkeit zusammen wäre, er doch leider zu wenig Zeit habe, sie zu besuchen. Ich glaube, zwei oder drei Wochen lang hat es wirklich funktioniert.
Doch irgendwann ist man dann endlich groß genug, um den Ball in den Korb landen zu können. Basketball löst dann Fußball komplett ab, welches nun nur noch ein Kinderspiel ist. Gegen sie habe ich jedoch keine Chance, musste ich traurig feststellen.
Basketball wird wiederum ein wenig mit Hip Hop verbunden. Daher machen einige von ihnen,  16 -17 jährige Jungs, die überhaupt kein Englisch können, manchmal die witzigsten Nachahmungen von irgendwelchen "totaly gangsta hip hoppern aus dem gangsta nyc" nach - ich könnte mich dabei immer wegschmeißen.
Thema Musik: Äthiopien hat keinen eigenen Hip Hop. Ahh! Dann und wann kann ich im Taxibus auf meiner Heimfahrt, wenn es ein ganz junger Fahrer ist, einige Töne von 2Pac oder 50 Cent aus dem verstimmtem,  altem Radio erkennen. Da versinke ich dann, mit einem leichten Grinsen auf meinem Gesicht, ein Gedanken von lauten Clubs, bunten Lichtern und dem ekstatischen Gefühl, die Musik einverleiben zu können.
Denn ehrlich gesagt: Äthiopische Musik ist schlecht. Sehr schlecht. Die Stimmen singen mit diesen lallenden, leiernden Arabischen Touch, wo das Wort erst, nachdem er dreimal die Tonleiter hoch und runter gerutscht ist, zuende ist. Der Hintergrund und Rhythmus ist nur einfallslose Synthetik, die sich in jedem Lied zu wiederholen scheint.
Aber um ihnen gerecht zu werden, so schlecht ihre Musik auch ist, umso besser können sie tanzen! Damit meine ich ihre Körperbeherrschung, die Fähigkeit, ihre Schultern mehrmals in einer Sekunde nach vorne und hinten zucken zu lassen (ein traditioneller Tanz), den gesamten Körper mit einer Melodie zusammenfließen zu lassen... Ich starrte sie in völliger Faszination an, als dummer Frenjii mit offenem Mund.

Was mich am Anfang sehr gewundert hat war, dass ich auf den Strassen viele Männer und Jungs sah, die Händchen halten. Es ist ein Zeichen tiefster Freundschaft und ist, na ja, schon etwas gewöhnungsbedürftig. Jungs und Mädchen sehe ich hier dafür sehr sehr selten zusammen.

Morgen ist Freitag, da werden wieder all die kleinen mit Staub besudelten grinsenden Kinder endlich mal wieder geschrubbt!

Liebe Gruesse,

Luisa


P.S. Es haben mich viele gefragt, wie braun ich sei, da ich schließlich in Afrika, dem Kontinent mit Dauersonne, lebe. Ich glaube, der Körper hat nur eine begrenzte Fähigkeit, die Bräune zu produzieren. Dass heißt, nach etwa einem Monat war ich nicht mehr braun, sondern habe seitdem nur eine gesunde Hautfarbe, die man jedoch nicht als "braun" bezeichnen kann. Kennt sich da jemand mit der Biochemie oder so aus?

Weiterhin: Für die, die sich Sorgen machen und etwas besser über die politische Situation in Äthiopien informiert sein wollen, ist  eine gute Seite die des Auswärtigen Amtes von Deutschland, wo man bei "Länderinformation" einfach nur Äthiopien einzugeben hat. Diese Information ist zum Teil sogar akkurater als meine eigene hier.
Zuletzt aktualisiert am Sonntag, 04. März 2007 um 03:02 Uhr