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2. Mail aus Addis Abeba
Geschrieben von: Luisa Kühlmann   
Montag, 20. Februar 2006 um 18:44 Uhr
So, nun ist's schon Zeit für eine weitere Mail...
Erst mal entschuldige ich mich (obwohl ich es nicht ausstehen kann, wenn andere sich dafür entschuldigen!) für mein Deutsch, für meine Rechtschreibung usw. Sprache ist echt so eine Sache - ich bekomme zurzeit ein total anderes Verhältnis dazu. Mittlerweile fühlt es sich an, als wohne ich schon eine Ewigkeit hier – ich kenne den Rhythmus, die Menschen und.... na ja, die Kinder noch nicht so ganz. Es sind erst mal noch - zu viele!
Am Freitag habe ich Teresa mit dem Duschen der Kinder geholfen. Draußen im Sonnenschein unter die Eiskalten duschen, dann von uns eingeseift werden von Kopf bis Fuß, und dann wieder unter die Duschen. Da ist mir das erste Mal aufgefallen, wie VIELE Kinder es eigentlich sind. Und dann wollen sie alle von mir wissen, wie sie heißen. Ist ja ganz verständlich, schließlich haben sie es mir auch nur zweimal an diesem Tag gesagt. Aber habe ich schon erwähnt, dass es sehr viele Kinder sind? Trotz des Nebengeschmackes in einer Art Waschfabrik zu arbeiten, machte es mir Spaß weil die Kinder alle grinsten ohne Ende. Sie werden alle einmal die Woche gewaschen, ziehen zwar danach wieder die selben leicht dreckigen Sachen an, doch das macht nichts. Jetzt hat man viele neue Hautstellen, die man wieder braun und staubig machen kann!
Nachmittags teile ich um 17.00 immer die "Biskuits" an die Kinder aus, die sich dafür ordentlich in Reihe und Glied aufstellen müssen, und manchmal, wenn sie nicht gerade oder ruhig genug warten, die Nationalhymne lautstark brüllen. Ich kann dabei nur zuschauen und vor mich hingrinsen. Dieser Keks ist für die meisten das Abendbrot, deren Eltern sind auf der Strasse und  betteln, wollen oder können sich nicht um sie kümmern. Deswegen freut mich deren Lachen so sehr. Viele denken, ihre Situation ist die armseligste, die es geben kann. Ich mit meinem anfänglichen Mitleid für sie gehörte auch dazu. Doch Mitleid ist nicht was sie gebrauchen könne, sondern jemand, der sie ihnen zuhört, mit ihnen spielt, deren Namen kennt und sie anlächelt.
Glaube ich zumindest jetzt. Was mit dem zuhören und Namen nennen geht, hapert es bei mir noch etwas. Anstatt renne ich mit den Jungs um die Wette (Rennen liegt in deren Blut - Überraschungsweise), und die Mädchen flechten meine Haare oder wir spielen Händeklatschspiele, oder wie immer man die nennt.

Dieses Wochenende habe ich aber mal das "richtige" Afrika gesehen. Und damit meine ich 1) das was das Klischee entspricht und 2) was ich eigentlich erwartet habe.
Wir, also die Familie Sebastiano, Fulvia, Sara, Dani, wir Voluntaere Teresa, Paolo, ich und der Hund sind nach Zway gefahren, wo ein weiteres, älteres Projekt ist. Dort war der Unterschied zwischen Land und Stadt, wie auch in allen anderen Ländern, unübersichtlich. Mit einer andern Voluntaeren sind wir durch durch das Städtchen gelaufen, Ziel See. Unterwegs sind wir über den Mercator, dem Handelsplatz gelaufen, wo zwei mal in der Woche alle aus der Umgebung kommen und ihre Waren verkaufen – von Eseln zu Barbarai, Salz bis Seidentücher. Es war so bunt, mein Blick war überall außer auf dem Weg vor mir. Die Menschen stahrten (ich weiß nicht mehr, wie das Wort geschrieben wird!) uns an, die Kinder kamen angerannt "You, you!!" oder echt "Fuck you" wenn wir nicht reagierten. Ja, manche Begriffe werden schnell gelernt. Die Menschen wohnen meist in runden Lehmhütten mit Grasdächern, überall liefen Kühe, Ziegen und Esel herum.
Kleine Kinder trugen ihre noch kleineren Geschwister auf den Rücken... Und die Landschaft sah aus wie in "Lion King". Es war wahnsinnig schön, die Berge ragten im Hintergrund, und die Sonne schien.
Am Sonntag waren wir dann, mit den Voluntaeren aus Zway zusammen, baden in einem See. Wir waren insgesamt zwei Familien + die jüngeren Voluntaere, alle (außer eine) waren Italienisch, und so landete ich für drei Stunden an der italienischen Küste. Sozusagen. Nee, in Wirklichkeit sah es wohl nicht so aus wie es in Italien typisch ist - alle Farben waren verdreht: blaue Berge, brauner See, graugrüner Strand. Und die Äthiopier lästerten auch auf Amharisch, dass immer mehr Ausländer hier wären (ha! wir, ähh, die können Amharisch!)
So jetzt muss ich zusehen, wie ich diese außerordentlich unregelmäßig und durcheinandergeschriebene Mail abschicken kann, ohne dass ich vor Verzweiflung meine Haare rausreiße...
Trotzdem danke für's "zuhören", es hilft, mir einige Sachen für mich zu ordnen (auch wenn's hier wohl so gut wie gar nicht ersichtlich ist)...

Luisa
Zuletzt aktualisiert am Sonntag, 04. März 2007 um 03:03 Uhr