| 1. Mail aus Addis Abeba |
| Geschrieben von: Luisa Kühlmann | |||||
| Montag, 20. Februar 2006 um 18:42 Uhr | |||||
JPAGE_CURRENT_OF_TOTAL Erste Mail vom 17.10.2005Jetzt werde ich erst mal eine Pause machen vom Amharisch lernen, um endlich mal meine allererste Mail zu schreiben! In meinen drei Tagen hier habe ich schon so viel gesehen, doch verstanden oder verdaut habe ich es noch lange nicht. Vielmehr habe ich das Gefühl, nur im Urlaub hier zu sein und jeden Morgen könnte ich aufwachen und wieder in Berlin sein. Ich kann Sachen beschreiben, mit denen ich jedoch so wenig in direkten Kontakt gekommen bin, dass ich genauso gut eine Fernsehdokumentation beschreiben könnte... es würde mich also nicht überraschen, wenn morgen lilane Drachen an meinem Fenster vorbeifliegen würden. Einerseits ist hier alles so anders, andererseits so ähnlich wie "bei uns". Ich lebe also in einem einst Randbezirk von Addis Abeba, jedoch wächst die Stadt so sehr, dass mittlerweile viele Reiche in der Gegend von diesem Projekt ihre Festungen bauen. Und "Festung" ist bitte schön wörtlich zu nehmen. Hinter einem 2m hohen "Zaun" aus Wellblech (daraus sind die meisten Häuser hier gebaut) steht die eigentlich Mauer mit Glasscherben oben entlang einbetoniert. Wirkt einladend irgendwie. Dahinter dann irgendwo kann man dann ein Villa-ähnliches-Gebäude erspähen. Jedoch laufen in der Gegend ganz einfache Menschen rum. Und das wunderbare ist, dass egal wo ich sie sehe, sie scheinen alle ohne Ziel herumzuspazieren. Oder legen mal ein Päuschen am Straßenrand ein, wobei manche dabei vor lauter Entspanntheit einschlafen. Diese Ruhe behält auch der Ton des Verkehrs auf der Strasse (keine aggressiven Fahrer), obwohl dieser wohl der chaotischste und ungeregelste ist, den ich je gesehen habe. Ich dachte schon (da es kein Mindestalter für Alkoholkonsum gibt), dass man mit 12 oder so schon Auto fahren darf... doch eine Fahrschule gibt es wohl schon. Es gibt keine Spuren, oder besser gesagt: es gibt so viele Spuren wie Autos nebeneinander passen. Verkehrszeichen gibt es hier nicht. Die eine Ampel, die ich gesehen habe, funktioniert nicht. Und zwischen allen Autos und Bussen und LKWs laufen die zahllose Menschen rum, verkaufen Kaugummis oder rollen Autoreifen entlang. Da ist die speed limit von 90km/h irgendwie sinnlos, da man bei den holprigen Strassen nicht auch noch schnell fahren kann... Das andere Extremum zu diesem Verkehr ist der in Deutschland, wo keiner in einem fahrenden Bus aus der offenen Tür hängen darf oder mal so mitten auf der Strasse seine Waren verkaufen kann. Da gibt's Regeln! Als Weiße habe ich nicht das Gefühl, sonderlich aufzufallen, auch wenn ich und Paolo, mit dem ich Amharisch-Unterricht habe, die einzigen Weißen weit und breit auf der Strasse sind. Was ich doch bemerkt habe, ist, dass Kinder, die Taschentücher, Kaugummis usw. verkaufen (ab 4 Jahren) länger an uns verharren als bei anderen. Auch Bettler, Behinderte und... "verformte" Menschen (viele haben amputierte Arme, Beine, haben Hautkrankheiten usw.) versuchen es bei uns länger. Die Kinder hier wollten alle meine Haare anfassen, denn wie oft sehen sie schon blonde Haare? Achso, meine Kette, Uhr und bunte Armbänder wollen sie auch noch alle haben. Ich bin halt neu und da muss man ausprobieren, wie weit es geht.
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| Zuletzt aktualisiert am Dienstag, 19. Mai 2009 um 15:13 Uhr |
