Februar 2012
So Mo Di Mi Do Fr Sa
29 30 31 1 2 3 4
5 6 7 8 9 10 11
12 13 14 15 16 17 18
19 20 21 22 23 24 25
26 27 28 29 1 2 3
Ausgang des Volksentscheides
ProReli
Geschrieben von: Reiner Wiedemann   
Sonntag, 03. Mai 2009 um 22:24 Uhr
Normal 0 21 false false false MicrosoftInternetExplorer4

 

kampagnenlogo_smallLiebe Gemeindemitglieder,

dieses uns so vertraut gewordene Logo hat uns in unserem Aufbegehren gegen die Bevormundung durch den rot/roten Senat über einen längeren Zeitraum begleitet. Es erfüllt uns mit Stolz, dass wir in Gemeinschaft mit den etwa 300 christlichen Berliner Gemeinden, der Jüdischen Gemeinde und den Muslimen des DITIB für unsere Überzeugungen auf die Straße gegangen sind.

Normal 0 21 false false false MicrosoftInternetExplorer4

Erzbischof Georg Kardinal Sterzinsky sprach uns allen aus dem Herzen als er in seiner Presseerklärung zum Ausgang des Volksentscheids “Freie Wahl zwischen Ethik und Religion” sagte: „Auch wenn der Volksentscheid nicht gewonnen wurde, hat er viel bewegt. Ich danke dem Verein Pro Reli e.V. und seinem Vorsitzenden Dr. Christoph Lehmann, der das Thema Religion und Religionsunterricht in eine breite öffentliche Debatte gebracht hat. Ich danke auch den Ehrenamtlichen, deren Zahl in die Tausende geht, aus Kirchen, Verbänden und anderen Gruppierungen, die für ihre Überzeugung auf die Straße gegangen sind und für die freie Wahl zwischen Ethik und Religion geworben haben. Ich bestreite nicht, dass ich enttäuscht bin. Es ist nicht gelungen, für das Thema Religion und Religionsunterricht genügend Interesse zu wecken. Wir werden weiter versuchen, den Religionsunterricht den ihm gebührenden Platz zu sichern, denn guter Religionsunterricht ist eine Wohltat für die Gesellschaft, nicht nur für die, die daran teilnehmen. Wir lassen uns auch durch dieses Ergebnis nicht einreden, dass Religion nur etwa Privates ist. Wir werden dennoch weiter in Berlin als Kirche um Gottes Willen für die Menschen da sein: in unseren Gemeinden, in den Einrichtungen der Caritas, in unseren Schulen. Kirche bleibt öffentlich!”

Wir können unserem Erzbischof nur von Herzen danken, dass er uns mit solch großem Engagement gemeinsam mit Bischof Dr. Huber durch diese schwierige Zeit geführt hat.

Besonders beeindruckt hat uns auch die Rede von Dr. Lehmann am Wahlabend in der Katholischen Akademie, die immer wieder von stürmischen Ovationen der Anwesenden unterbrochen wurde. Ich möchte Ihnen daher nahezu ungekürzt diese bedeutende Rede zur Kenntnis geben:

„Heute ist der Tag an dem eine Entscheidung fällt, die wir alle gespannt erwarten. Aber egal wie das Ergebnis ausfällt, eines steht schon jetzt fest: Wir haben diese Stadt bewegt. Was vor Monaten an einem Küchentisch begann ist zu einer Bewegung geworden. Wie ein Stein, der ins Wasser fällt, hat diese Bewegung Kreise gezogen.

Und unsere Stadt, die viele als Hauptstadt des Atheismus bezeichnet haben, hat sich in tausenden von Gesprächen und Zeitungsartikeln, in Fernsehberichten und Diskussionsrunden, auf der Straße, in der Schule und in den Familien mit Gott und Religion auseinandergesetzt. Und das tut sie, nicht weil wir uns versteckt haben, sondern weil wir auf die Menschen zugegangen sind und sie zum Nachdenken angeregt haben.

Egal wie groß die Diffamierungen waren – gleich wie unfair die Tricks und bisweilen brachial die Angriffe waren, gleich wie verwirrend mancher Slogan – und unabhängig von dem Ergebnis, eines können uns die Mächtigen dieser Stadt nicht nehmen: Unseren Glauben daran, dass der Mensch nicht die letzte Instanz allen Handelns ist und unsere Überzeugung, dass diese Stadt nur dann ihr volles Potenzial entfalten kann, wenn Toleranz und Freiheit mehr als Worte sind.

Sie alle haben gemeinsam mit vielen, die heute Abend nicht hier sind, Zeugnis abgelegt mit Ihrem Engagement. Sie alle haben Beispiel gegeben, indem Sie auf die Straße gegangen sind, Info-Stände organisiert haben, Prospekte verteilt haben und in Berlin eine Diskussion losgetreten haben, die vorher niemand für möglich hielt.

Protestanten, Katholiken, Juden, Moslems und Atheisten, haben ein gemeinsames Zeichen gesetzt für mehr Freiheit und Toleranz in Berlin. Das ist das großartige Ergebnis einer anstrengenden aber fruchtbaren Kampagne.

Es sind Brücken entstanden über alle konfessionellen und religiösen Überzeugungen hinweg. Nein, Pro Reli hat diese Stadt nicht gespalten. Pro Reli hat Gräben überwunden und gemeinsame Überzeugungen hervorgebracht, die ein friedliches und fruchtbares Miteinander in dieser bunten Stadt erst ermöglichen.

Denn Toleranz bedeutet eben nicht, Unterschiede durch Gleichmacherei zuzukippen und totzuschweigen. Toleranz bedeutet Unterschiede zu erkennen, sie zu respektieren und als Bereicherung zu empfinden.

Und es war - wenn ich das ganz persönlich sagen darf – für mich als Katholik eine großartige Bereicherung gemeinsam mit engagierten Protestanten, Juden und Muslimen, Hand in Hand für die gleiche Überzeugung einzustehen. Das hat mich berührt und bewegt mich bis heute.

Natürlich blickt man an einem Tag wie heute zurück auf das, was in den letzten Monaten alles geschehen ist. Und die Bilder, die in mir aufsteigen, zeigen hunderte von Müttern und Vätern, die in ihrer Freizeit an Info-Ständen gestanden haben und mit anderen Berlinern diskutiert haben. Ich sehe Schüler und Lehrer, Junge und Alte, die bis zur Erschöpfung Plakate gehängt und Info-Material verteilt haben.

Ich sehe noch vor mir, wie am vergangenen Donnerstag weit über 1000 Menschen von ganz jung bis ganz alt mit tausenden bunter Luftballons fröhlich für mehr Toleranz und freie Wahl demonstriert haben. Gleich wie das Ergebnis ausfällt: Wir haben schon gewonnen.

Denn:

  • Wir haben über alle religiösen Unterschiede hinweg unsere Gemeinsamkeiten entdeckt und die Grundlage für einen vertieften Dialog, für Verständnis, Akzeptanz und ein friedvolles Zusammenleben geschaffen.

  • Wir haben in unserer Stadt Zeugnis abgelegt, dass wir glauben und das unser Glaube wichtiger Bestanteil für unser Gemeinwohl und die Zukunft unserer Stadt ist.

Dank Ihres Engagements ist Berlin nicht mehr die Hauptstadt des Atheismus. Dieses zuvor alles überlagernde Grau ist mit unübersehbaren Farbtupfern versehen worden – und diese Farbe tut unserer Stadt gut.

Liebe Freunde: Hier in Berlin ist etwas Kraftvolles entstanden und diese Kraft, diese Energie gilt es einzubringen in die Zeit.

Wir haben gemeinsam eine Saat gesät, und diese Saat wird aufgehen und wirken in Berlin, davon bin ich überzeugt.

Pro Reli, das ist nur einfach eine Initiative zur Änderung eines Landesgesetzes. Es war für viele ein Schritt, Zeugnis zu geben. Es ist der Wunsch, der Stadt Berlin zu zeigen, dass sie nicht mehr und nicht weniger als andere Städte auch auf gläubige Menschen angewiesen ist. Religion und Kirche sind nicht nur die sozialen Wohltaten von Diakonie und Caritas, nicht nur jüdische Krankenhäuser und katholische Kindertagesstätten. Religion ist vor allem die Begründung allen Handelns, aller Ethik im Glauben an Gott.

Deshalb ist – unabhängig vom Ausgang des Volksentscheids – hier nicht der Schlusspunkt, sondern der Anfang von etwas Neuem. Und wer seinen Hesse gelesen hat, der weiß: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschwingt und der uns hilft zu leben.“

Der Samen, den wir gesät haben, muss gepflegt werden. Und ich verspreche Ihnen, dass Pro Reli weiter macht. Nicht als unverbesserliche verkniffen missionarische Besserwisser, sondern als fröhliche und engagierte Streiter für ein tolerantes Berlin. – Ein Berlin, das Vielfalt und Toleranz gegen die Arroganz der Macht verteidigt. Und ein Berlin, das nicht atheistisch, sondern religiös vielfältig ist, ein Berlin, in dem Religion und religiöse Bildung weiterhin ein Thema bleibt.

Mit dem Ergebnis des Volksentscheids kann wohl keiner wirklich glücklich sein. Es zeigt in erschreckender Weise, wie sehr noch immer ein Riss durch unsere Stadt geht. Im Westteil der Stadt haben fast 2/3 aller an der Abstimmung teilnehmenden Bürgerinnen und Bürger mit „Ja“ gestimmt, im Ostteil ist das Verhältnis umgekehrt. Wir alle bleiben aufgefordert, hierüber nachzudenken. Insbesondere gilt dies für den Senat. Ein Modell durchdrücken zu wollen, das einseitig nur in einer der beiden Hälften der Stadt akzeptiert wird, kann kein Beitrag zur Verständigung und Versöhnung sein.“

An dieser Stelle möchte ich nunmehr im Namen des Kernteams unserer Gemeinde St. Georg Ihnen allen vielen Dank sagen für die während der Kampagne so stark angewachsene Unterstützung. Einen Wermutstropfen hat es leider doch gegeben: Offenbar hat ein Gemeindemitglied nicht die faire Diskussion mit uns gesucht, sondern einfach noch in DDR-Manier alle von mir ausgelegten Informationen in der Kirche St. Maria Magdalena „entsorgt“ und durch „Pro Ethik“-Unterlagen ersetzt. Es hat mir schon wehgetan, zumal diese Infos von mir teilweise auf meinem kleinen Drucker zu Hause recht mühsam und kostenaufwendig vervielfältigt worden waren. Ich habe immer erklärt, dass ich mich sehr umfassend mit der Problematik Religionsunterricht in Berlin beschäftigt habe und zu jeder Diskussion darüber bereit bin.

Es hat sich gezeigt, dass auch unser Team aus drei evangelischen und unserer katholischen Gemeinde St. Georg in Pankow mit zunehmender Kampagnenzeit immer eingespielter wurde. Wir hatten unseren Infostand regelmäßig jeden Sonnabend von 10 bis 13 Uhr vor dem Einkaufszentrum "Rathaus-Center" betrieben und doch sehr gehofft, dass wir gegenüber den Bezirken im Westteil der Stadt nicht zu sehr abfallen werden. Eine Passantin machte uns Mut, in dem sie sagte: "Sie sind in der Hauptstadt des Atheismus und dann noch in Pankow im Auge des Hurrikans, verzagen sie nicht. Die hier noch wohnende Dienerschaft des ehemaligen Machtzentrums der DDR können Sie auch mit den besten Argumenten nicht zu einem "JA" bewegen." Insofern sind wir schon ein wenig stolz, nunmehr mit 28,9% JA-Stimmen das beste Ergebnis der Bezirke im Ostteil Berlins erreicht zu haben. Persönlich sind wir ob des Gesamtergebnisses zwar ein wenig traurig, aber insgesamt unendlich beschenkt aus der Kampagne hervorgegangen. Denn wann hatten in der Geschichte Berlins Menschen schon jemals Gelegenheit, für Ihren Glauben auf die Straße zu gehen und den Passanten dazu Rede und Antwort zu stehen. Die evang. Wochenzeitung "Die Kirche" hatte unseren Stand besucht und ich hatte für die Osterausgabe dieser Zeitung gesagt: „Wenn es Pro Reli nicht schon geben würde, müsste man es erfinden. Allein die so entstandene Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Kirchen und das Kennenlernen sind ein riesiger Gewinn. Gleichzeitig gibt uns das die Gelegenheit gemeinsam mit unserem Glauben in der Öffentlichkeit Präsenz zu zeigen".


Reiner Wiedemann für „Freie Wahl zwischen Ethik und Religion“ in St. Georg

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, 17. Mai 2009 um 19:25 Uhr